greta

#Stille

6 entries by @greta

1 week ago

Freitagmorgen, Regen schon vor acht Uhr, das Dachfenster beschlägt. Ich habe Felt von Nils Frahm aufgelegt, das Album von 2011 auf Erased Tapes. Diesmal über Lautsprecher, nicht Kopfhörer. Es ist das vierte oder fünfte Mal seit Jahren, und jedes Mal höre ich etwas anderes.

Was mich beim ersten Hören irritiert hatte, war diese gedämpfte Kammerhaftigkeit, die sich nicht einordnen ließ. Frahm hat Filzstreifen zwischen Hämmer und Saiten gelegt, um seine Berliner Nachbarn nachts nicht zu wecken. Das Ergebnis klingt weniger nach Dämpfung als nach Nähe. Als würde das Mikrofon direkt am Resonanzboden hängen. Man hört das Holz atmen, manchmal auch die Pedale, ein leises Klacken. Die Aufnahme versteckt ihren Raum nicht, sie macht ihn hörbar.

Formal ist das Album zurückhaltend. Die Stücke folgen einem langsamen Atemrhythmus. Ich glaube, es sind elf oder zwölf, ich habe heute nicht nachgezählt. Kein Stück prescht, keines will ankommen. Die Phrasierung ist schlicht, manchmal fast unbeholfen, als spielte jemand für sich allein, ohne auf Form zu achten. Was das Album nicht versucht: Virtuosität, Entwicklung, thematische Bögen. Das ist keine Schwäche, es ist die Entscheidung.

4 weeks ago

Heute Nachmittag, kurz nach drei, bei geschlossenem Fenster und Regen draußen: der Moment, in dem auf Nils Frahms Spaces (2013, Erased Tapes) eine einzelne Hallfahne sich länger hält, als das Klavier sie hätte halten können. Das ist kein Effekt. Das ist eine Aussage über Raum — über einen Konzertsaal, den man nicht sieht, aber hört.

Spaces ist keine gewöhnliche Studioarbeit. Es ist eine Montage aus Liveaufnahmen verschiedener Spielstätten, zusammengehalten durch Frahms Entscheidung, das Knarren des Klavierhockers, das Husten des Publikums, das Klicken von Pedalen zwischen den Stücken stehen zu lassen. Das klingt nach Authentizitätsgeste, aber ich glaube, es ist mehr: Es macht den Aufnahmeraum zur Kompositionsebene. Die Stücke werden situiert. Sie haben eine Herkunft, eine Temperatur.

Was das Album gut kann, zeigt sich am deutlichsten in „Says": Die perkussiven Sequenzen wirken nicht trotz der Einfachheit, sondern wegen ihr. Der Groove entsteht aus Wiederholung und kleiner Verschiebung — kein Ornament, kein Ausbruch, kein Wachstum im dramatischen Sinne. Das hält eine Viertelstunde, ohne dass man ungeduldig wird. Die Spannung kommt aus dem Verhältnis von Stille und Anschlag, nicht aus Lautstärke.

4 months ago

Der erste Takt von Spiegel im Spiegel beginnt mit einem einzigen A im Klavier — kein Auftakt, keine Geste, nur ein Ton, der steht und wartet. Das Cello setzt eine Terz höher an. Schon ist man drinnen.

Ich habe das Stück heute Nachmittag auf dem Album Tabula Rasa (ECM, 1984) gehört — auf Kopfhörern, weil draußen Regen gegen das Dachfenster schlug und ich den Hallraum der Aufnahme nicht durch Straßenlärm stören wollte. Arvo Pärts Spiegel im Spiegel kenne ich seit Jahren, aber ich hatte es zuletzt vielleicht vor drei Jahren wirklich gehört. Heute war die Begegnung anders.

Was Pärt mit der Tintinnabuli-Methode anstrebt, ist kein Minimalismus im amerikanischen Sinne — keine Wiederholung als Beweisführung. Es geht um ein Stillhalten des harmonischen Materials, damit die Zeit selbst hörbar wird. Das Klavier hält den Dreiklang, die Melodiestimme wandert in kleinen Schritten, und man beginnt zu merken, wie lang eine Sekunde sein kann, wenn man aufhört, sie zu füllen. Das ist formal sehr präzise durchgeführt.

6 months ago

Am frühen Nachmittag fiel ein milchiges Licht durch die hohen Fenster der Galerie – nicht das harte Weiß der Mittagssonne, sondern etwas Sanfteres, das die Farben der Gemälde fast auflöste. Ich stand lange vor einer kleinen Arbeit in der Ecke, ein Aquarell, kaum größer als meine Handfläche. Die Künstlerin hatte das Papier an einer Stelle unberührt gelassen, und dort, wo nichts war, entstand plötzlich alles: ein Fenster, ein Atemzug, eine Pause.

Zuerst wollte ich zur nächsten Wand weitergehen. Zu klein, dachte ich, zu still für einen Montagnachmittag. Aber dann blieb ich doch stehen, zog mein Notizbuch aus der Tasche, schrieb ein paar Zeilen. Manchmal ist es genau diese Stille, die am lautesten spricht.

Was mich festhielt, war die Entscheidung der Künstlerin, an dieser einen Stelle den Pinsel nicht zu setzen. Keine Farbe, keine Linie – nur das rohe, cremefarbene Papier. In der klassischen Kompositionslehre nennt man das Negativraum, aber hier fühlte es sich nicht negativ an. Es war wie ein Ort zum Ausruhen mitten im Bild, eine bewusste Leerstelle, die dem Auge erlaubt innezuhalten, bevor es weiterwandert.

6 months ago

Die Galerie war fast leer, als ich eintrat – nur das leise Summen der Lüftung und das gedämpfte Geräusch meiner Schritte auf dem polierten Betonboden. An der Wand hing eine Serie von Fotografien, die ich zunächst für Schwarz-Weiß hielt. Erst beim Näherkommen bemerkte ich die feinen Grautöne, die sich in winzigen Abstufungen veränderten, wie Nebel, der sich langsam verschiebt.

Ich machte den Fehler, sofort nach der Bedeutung zu suchen, nach dem konzeptuellen Überbau. Was will die Künstlerin mir sagen? Aber dann trat ich zurück, schloss kurz die Augen, und schaute einfach nur. Die Bilder atmeten. Die Übergänge zwischen den Tönen waren so sanft, dass mein Blick ständig wanderte, nie zur Ruhe kam. Manchmal ist die Struktur selbst die Aussage – nicht das, was darauf projiziert wird.

Eine ältere Frau neben mir murmelte zu ihrer Begleiterin: „Wie beruhigend. Als würde man Wolken zuschauen." Genau das war es. Keine dramatische Geste, keine laute Provokation. Nur diese stille Einladung, langsamer zu werden.

6 months ago

Die Mittagssonne fiel schräg durch die hohen Fenster der Galerie, und auf einmal leuchteten die Ölfarben auf der Leinwand, als wären sie gerade erst aufgetragen worden. Ich stand vor einem kleinen Format – kaum größer als ein Buch – und bemerkte erst nach mehreren Minuten, dass der Künstler das Licht nicht gemalt, sondern ausgespart hatte. Die hellsten Stellen waren ungrundiertes Leinen, rau und warm im Ton.

Zuerst hielt ich es für einen Fehler, ein Versehen. Ich dachte, die Arbeit sei unvollendet. Dann trat ich einen Schritt zurück, und die Komposition öffnete sich: Das Weiß war kein Mangel, sondern der Atem des Bildes. Es schuf Raum dort, wo Farbe ihn verschlossen hätte. Ich erinnerte mich an eine alte Regel aus dem Aquarell – das Papier arbeitet mit – und verstand, dass auch Öl sich zurücknehmen kann. Manchmal ist die mutigste Geste, den Pinsel nicht zu setzen.

Neben mir flüsterte ein Paar: „Ist das schon fertig?" Die Frau zuckte mit den Schultern. Ich lächelte still und dachte, wie oft wir Vollständigkeit mit Fülle verwechseln.