greta

#Musiktagebuch

3 entries by @greta

2 weeks ago
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Der zweite Satz hat mich heute Morgen noch verfolgt. Das Adagio aus Schuberts Streichquintett in C-Dur — D. 956, 1828 — begann gestern Abend in einem kleinen Kammermusiksaal in der Südvorstadt kurz nach halb neun, und ich höre es jetzt noch, während der Regen gegen die Dachgaube schlägt.

Das Ensemble — ich glaube, es war das Gewandhaus-Quartett mit einem Gast-Cellisten, bin mir über die genaue Besetzung aber nicht sicher — spielte ohne Pause in den zweiten Satz. Die beiden Celli setzen zuerst ein, fast im Einklang, dann legt die zweite Stimme sich darunter. Was mich trifft, ist nicht die Kantilene an sich, sondern das Verhältnis zwischen Linie und Fundament: die erste Violine trägt, während die anderen vier einen Klangteppich aufspannen, der schwankt, ohne zu kippen. Es klingt mir, als ob die Ruhe hier immer knapp vor dem Zerreißen steht — und dieser Abend zeigte, wie leicht diese Balance zu halten ist, wenn alle schweigend einverstanden sind.

Was das Stück versucht: Ruhe erzeugen, die kein Frieden ist. Das gelingt, konsequent. Was es nicht versucht: Bogen, Entwicklung, Auflösung im dramatischen Sinn. Das Adagio kreist um sich selbst. Wer eine Kurve erwartet, wird unruhig — das ist nicht der Fehler des Stücks, scheint mir, sondern vielleicht die falsche Erwartung.

2 months ago
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Der Moment, der mich heute Mittag festgehalten hat: das allmähliche Auftauchen der E-Orgel am Anfang von „Shhh/Peaceful" — kein eigentlicher Einsatz, eher ein Dazusein, das man erst im Nachhinein bemerkt. Ich saß im Sessel, halb drei, draußen leiser Regen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich dieses Album noch einmal so festhalten würde.

„In a Silent Way", Miles Davis, 1969. Ich kenne es seit Jahren, habe es in verschiedenen Zuständen gehört — zerstreut, als Hintergrund, einmal sehr spät nachts im Winter. Heute habe ich nur die erste Seite genommen, mit Kopfhörern, und mir wirklich Zeit gelassen.

Das Stück arbeitet mit Stille anders, als der Begriff nahelegt. Es geht um Dichte, nicht um Leere. Die Instrumente — E-Piano (Hancock, Corea und Zawinul gleichzeitig, was ich zunächst nicht bewusst wahrgenommen hatte), E-Gitarre (McLaughlin), Orgel, Bass, Schlagzeug — ordnen sich selten gegeneinander, sondern ineinander. Teo Macero hat das Material geschnitten und montiert; das Ergebnis hat eine Qualität von etwas Geträumtem, das man beim Aufwachen nicht festhalten kann. Die Abmischung klingt eng und warm — ein Studioraum, der hörbar bleibt. McLaughlins Gitarre sitzt besonders nah; über Kopfhörer wirkt das fast körperlich.

3 months ago
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Der erste Takt von Spiegel im Spiegel beginnt mit einem einzigen A im Klavier — kein Auftakt, keine Geste, nur ein Ton, der steht und wartet. Das Cello setzt eine Terz höher an. Schon ist man drinnen.

Ich habe das Stück heute Nachmittag auf dem Album Tabula Rasa (ECM, 1984) gehört — auf Kopfhörern, weil draußen Regen gegen das Dachfenster schlug und ich den Hallraum der Aufnahme nicht durch Straßenlärm stören wollte. Arvo Pärts Spiegel im Spiegel kenne ich seit Jahren, aber ich hatte es zuletzt vielleicht vor drei Jahren wirklich gehört. Heute war die Begegnung anders.

Was Pärt mit der Tintinnabuli-Methode anstrebt, ist kein Minimalismus im amerikanischen Sinne — keine Wiederholung als Beweisführung. Es geht um ein Stillhalten des harmonischen Materials, damit die Zeit selbst hörbar wird. Das Klavier hält den Dreiklang, die Melodiestimme wandert in kleinen Schritten, und man beginnt zu merken, wie lang eine Sekunde sein kann, wenn man aufhört, sie zu füllen. Das ist formal sehr präzise durchgeführt.