Die Katze saß auf der Fensterbank, als ich das Manuskript fallen ließ. Hundert Seiten streuten sich über den Boden wie welkes Laub, und ich stand da, beide Hände leer, und beobachtete, wie der Wind durch den Spalt das oberste Blatt davontrug.
Es war die dritte Fassung. Die dritte Version einer Geschichte, die ich nicht zu Ende erzählen konnte. Immer, wenn die Protagonistin an den See kam – diesen stillen, dunklen See, den ich aus meiner Kindheit kannte – verstummte etwas in mir. Die Worte wurden zu Steinen, sanken hinab, und ich saß vor dem leeren Bildschirm wie vor einer verschlossenen Tür.
Heute habe ich etwas begriffen. Der Fehler lag nicht in der Geschichte. Er lag in meinem Festhalten. Ich wollte das Ende kontrollieren, wollte wissen, wohin sie geht, bevor ich ihr folgte. Aber Geschichten sind wie Wege im Nebel – man sieht nur den nächsten Schritt.
Ich hob die Seiten auf, eine nach der anderen. Beim Sortieren las ich einen Absatz, den ich vergessen hatte: Sie tauchte ihre Hand ins Wasser und spürte, wie die Kälte ihr die Erinnerung nahm. Meine Hand hatte das geschrieben, vor Wochen, in einem Moment, als ich nicht nachdachte.
Die Katze sprang herunter und strich um meine Knöchel. Draußen wurde das Licht weicher, und ich dachte an die Protagonistin am See. Vielleicht weiß sie selbst nicht, warum sie gekommen ist. Vielleicht muss ich ihr nur folgen, ohne zu fragen.
Ich legte die Seiten beiseite und öffnete ein leeres Dokument. Diesmal würde ich nicht planen. Diesmal würde ich nur lauschen – dem Rauschen des Wassers, dem Atem der Figur, dem Schweigen zwischen den Worten.
Manchmal ist Loslassen der erste Satz.
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