Die Frau im Bus trug ein Buch mit abgegriffenen Ecken. Ich konnte den Titel nicht lesen, aber ihre Finger ruhten auf der aufgeschlagenen Seite, als würde sie dem Text Zeit geben, in sie einzusickern. Draußen zogen graue Fassaden vorbei, und ich fragte mich, ob sie die gleiche Zeile immer wieder las oder ob sie einfach nur dasaß und tat, als würde sie lesen.
Zu Hause dann das vertraute Ritual: Tee, Notizbuch, der Stift, der nicht mehr richtig schreibt, aber den ich trotzdem nicht wegwerfe. Ich hatte mir vorgenommen, an der Kurzgeschichte weiterzuschreiben – die mit dem Mann, der seine Stimme verliert und lernt, durch Gesten zu lügen. Aber stattdessen starrte ich auf die leere Seite und spürte diese seltsame Schwere, die manchmal kommt, wenn man zu viel will.
Vielleicht muss ich einfach aufhören, jedes Wort abzuwägen, dachte ich. Also schrieb ich drei Sätze, ohne innezuhalten. Sie waren schlecht. Ungelenk. Aber sie existierten, und das fühlte sich wie ein winziger Sieg an.
Später, beim Abendessen, fiel mir ein Satz ein, den ich vor Jahren in einem Gedichtband gelesen hatte: "Die Stille ist nicht leer, sie wartet." Damals hatte ich ihn nicht verstanden. Heute schon.
Draußen wurde es dunkel, und das Licht der Straßenlaterne malte einen gelben Fleck auf die Wand meines Zimmers. Ich ließ den Stift liegen, lehnte mich zurück und hörte dem Regen zu, der gerade begann. Manchmal muss man das Schreiben ruhen lassen, damit es atmen kann.
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