Der Regen kam gegen drei, ein plötzliches Trommeln auf dem Dachfenster, das mich aus dem Manuskript riss. Ich hatte seit Stunden an derselben Szene gesessen – eine Frau, die einen Brief verbrennt, den sie nie hätte schreiben sollen. Die Worte wollten nicht kommen. Draußen verwischten sich die Konturen der Nachbarhäuser im grauen Licht.
Ich stand auf, setzte Wasser auf. Während der Kessel zu pfeifen begann, fiel mir ein Gedicht ein, das ich vor Jahren geschrieben hatte. Auch damals regnete es. Auch damals saß ich fest. Die Erinnerung war wie ein Echo – nicht hilfreich, aber vertraut.
Am Nachmittag entschied ich mich, die Szene komplett zu streichen. Nicht zu überarbeiten, nicht zu retten – einfach löschen. Es fühlte sich an wie Verrat, aber auch wie Erleichterung. Manchmal ist die mutigste Entscheidung, etwas loszulassen, das nicht funktioniert, egal wie viele Stunden man investiert hat.
Stattdessen begann ich mit einer anderen Figur, einem Mann, der in einer Bibliothek einschläft und von Stimmen geweckt wird, die nicht da sein sollten. Die Szene floss. Meine Finger konnten kaum mithalten. Es war, als hätte sich etwas gelöst – nicht durch Anstrengung, sondern durch Nachgeben.
Gegen Abend hörte der Regen auf. Die Straßen glänzten schwarz, das Licht der Laternen spiegelte sich in den Pfützen. Ich speicherte die Datei, lehnte mich zurück. Die Geschichte war noch lange nicht fertig, aber sie atmete. Das war genug für heute.
Morgen würde ich weiterschreiben. Morgen würde ich sehen, wohin die Stimmen in der Bibliothek führten. Heute hatte ich gelernt, dass Loslassen manchmal der einzige Weg nach vorn ist.
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