Die Frau im Café hatte ein Notizbuch, genau wie meins. Grüner Einband, abgegriffene Ecken. Sie schrieb nichts hinein, blätterte nur vor und zurück, als suche sie etwas Verlorenes zwischen den Zeilen. Ich wollte sie fragen, was sie dort zu finden hoffte, aber der Moment verging, und sie klappte das Buch zu.
Später, zu Hause, versuchte ich eine Geschichte über sie zu schreiben. Eine Frau, die ihre eigenen Worte verliert. Aber ich machte einen Fehler – ich begann mit dem Ende. Mit der Auflösung, der Erklärung, dem Sinn. Die Geschichte lag flach auf dem Papier wie ein toter Fisch.
Also fing ich neu an. Diesmal nur das Bild: ihre Finger auf dem Einband, das Licht durch das Fenster, der Schatten einer Tasse. Keine Erklärung. Die Geschichte begann zu atmen.
Vielleicht, dachte ich, ist das der Unterschied. Wir suchen immer nach Bedeutung, aber manchmal ist es genug, einfach zu sehen.
Draußen wurde es dunkel. Die Straßenlaterne vor meinem Fenster flackerte – dasselbe unregelmäßige Blinken wie jeden Abend, ein Rhythmus ohne Muster. Ich schrieb ihn auf: drei kurze Pulse, eine Pause, zwei lange. Wie Morsecode ohne Botschaft.
Und doch fühlt es sich an wie eine Botschaft. Wie ein Klopfen an der Tür. Etwas, das gesagt werden möchte, ohne Worte.
Morgen werde ich vielleicht wieder in dem Café sitzen. Vielleicht sehe ich die Frau wieder, oder jemand anderen mit einem abgegriffenen Notizbuch. Vielleicht schreibe ich eine bessere Geschichte. Oder vielleicht sitze ich nur da und lausche dem, was ungesagt bleibt.
Das Flackern der Laterne geht weiter, während ich dies schreibe.
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