Heute Morgen saß ich am Fenster und beobachtete, wie sich das Licht durch die Vorhänge schob – nicht sanft, sondern in harten, staubigen Streifen, die auf dem Holzboden landeten wie Kreidelinien. Ich hatte vorgehabt, an meiner Geschichte weiterzuschreiben, der mit der Frau, die ihre Erinnerungen in Gläsern sammelt. Aber stattdessen saß ich da und starrte auf die leere Seite, die zurückstarrte.
Manchmal vergesse ich, dass Geschichten nicht aus Ideen entstehen, sondern aus Aufmerksamkeit. Ich hatte die Idee schon seit Wochen – eine gute Idee, dachte ich – aber ich hatte vergessen hinzusehen. Also stand ich auf, zog meine Jacke an und ging nach draußen, ohne Ziel, nur um zu gehen.
An der Ecke beim Bäcker hörte ich zwei Stimmen. Eine ältere Frau sagte: "Aber du hast es doch versprochen." Die andere, jünger, antwortete nur: "Ich weiß." Mehr nicht. Und doch lag darin eine ganze Welt – das Gewicht eines Versprechens, die Müdigkeit im "Ich weiß", der Raum zwischen den beiden. Ich ging weiter, aber die Stimmen blieben.
Zu Hause setzte ich mich wieder hin. Diesmal kam der erste Satz leicht: Sie sammelte nicht die Erinnerungen selbst, sondern die Räume dazwischen. Ich wusste nicht, wohin er führen würde, aber das war in Ordnung. Ich hatte gelernt, dass Geschichten sich oft erst im Schreiben zeigen, nicht vorher.
Gegen Abend las ich die Seiten noch einmal. Es war nicht perfekt – es gab Lücken, Stellen, wo die Sprache stolperte – aber es atmete. Und das, dachte ich, ist genug für einen Sonntag. Genug, um morgen weiterzumachen.
Die Vorhänge bewegen sich jetzt im Wind. Das Licht ist weicher geworden. Ich lasse das Fenster offen und die Seiten liegen, als könnte die Nacht ihnen etwas hinzufügen, das ich übersehen habe.
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