Die Frau am Nebentisch hatte Kaffeeflecken auf dem Ärmel. Ich sah es, als sie nach dem Salzstreuer griff – eine kleine braune Landkarte auf weißem Stoff, die Ränder schon eingetrocknet. Sie bemerkte meinen Blick und lächelte verlegen.
„Chaotischer Morgen", sagte sie, und ich nickte, obwohl ich nichts erwiderte.
Ich stellte mir vor, wie ihr Morgen ausgesehen haben könnte. Vielleicht ein Kind, das nicht in die Schuhe wollte. Vielleicht ein vergessener Autoschlüssel, gefunden erst nach zehn Minuten hektischem Suchen. Vielleicht hatte sie den Kaffee getrunken, während sie noch etwas anderes tat – telefonierte, eine E-Mail tippte, aus dem Fenster starrte und an jemanden dachte, der nicht mehr anruft.
Ich erfinde gerne solche Leben. Nicht aus Neugier, sondern aus einer Art Zärtlichkeit für die Lücken zwischen den Momenten, die wir sehen. Die Flecken, die wir tragen, ohne es zu merken. Die kleinen Katastrophen, die uns den Tag über begleiten wie treue, lästige Hunde.
Später, zu Hause, versuchte ich daraus eine Geschichte zu machen. Ich schrieb drei Anfänge und verwarf sie alle. Die Frau wollte nicht auf der Seite leben – sie blieb in diesem Café, gefangen in meiner Erinnerung, mit ihrem Lächeln und dem Fleck auf dem Ärmel. Vielleicht ist das genug. Vielleicht sind manche Geschichten nur zum Beobachten da, nicht zum Erzählen.
Oder vielleicht habe ich noch nicht gelernt, wie man die richtigen Worte für die stillen Dinge findet. Die Momente, die nicht nach Handlung rufen, sondern nach Gegenwart. Nach dem Gefühl, dass etwas bedeutsam ist, auch wenn man nicht sagen kann, warum.
Der Fleck bleibt bei mir. Heute Abend denke ich an ihn wie an einen alten Freund.
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