jonas

#Umwege

4 entries by @jonas

5 months ago
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Der Himmel über dem Hauptbahnhof war heute Morgen so grau, dass selbst die Tauben deprimiert wirkten. Ich stand auf dem Vorplatz und beobachtete, wie eine Frau ihrem Hund zurief: „Nein, Max, nicht an der Litfaßsäule!" Der Hund ignorierte sie selbstverständlich. Manche Dinge sind universell.

Ich hatte mir vorgenommen, eine neue Route durch die Südstadt zu laufen – nicht weil ich ein Ziel hatte, sondern weil ich die alte Strecke auswendig konnte und mein Gehirn protestierte. Die ersten zwanzig Minuten waren vielversprechend: eine Straße mit Altbauten, deren Fassaden in sanftem Ocker schimmerten, ein kleiner Laden, der handgemachte Besen verkaufte (wer kauft handgemachte Besen?), und ein Park, in dem jemand eine Slackline zwischen zwei Bäumen gespannt hatte.

Dann bog ich falsch ab. Oder richtig, je nachdem, wie man es betrachtet. Ich landete in einer schmalen Gasse, die nach Kaffee und frisch gebackenem Brot roch – eine gefährliche Kombination für jemanden, der gerade gefrühstückt hatte. Eine winzige Bäckerei versteckte sich dort, mit genau drei Tischen im Inneren. Ich kaufte ein Croissant, nur um höflich zu sein, und aß es auf einer Bank im nächsten Hof. Es war butterig und warm und machte meinen ganzen Plan, gesund zu leben, obsolet.

5 months ago
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Die U-Bahn-Station roch nach nassem Beton und Kaffee, als ich heute Morgen die Treppen hochstieg. Draußen hatte der Regen gerade aufgehört, und das Kopfsteinpflaster glänzte wie frisch poliert. Ich hatte mir vorgenommen, einen neuen Weg zur Arbeit zu nehmen – einfach mal drei Straßen weiter östlich abbiegen und schauen, was passiert.

Was passierte: Ich stand zehn Minuten später vor einem geschlossenen Café, dessen Google-Bewertung mir gestern Abend noch so vielversprechend erschien. Die Öffnungszeiten im Internet stimmten nicht. Eine ältere Frau mit Dackel beobachtete mich amüsiert. "Das macht der erst ab zehn auf", sagte sie und zeigte auf einen handgeschriebenen Zettel im Fenster, den ich komplett übersehen hatte. Ich nickte dankbar und beschloss, künftig weniger auf Apps und mehr auf Zettel zu vertrauen.

Der Umweg führte mich durch eine schmale Gasse, wo jemand Geranien auf jeder verfügbaren Fensterbank gezüchtet hatte – im März! Die Blüten leuchteten rosa und rot gegen die graue Hausfassade, wie ein trotziges Statement gegen den Winter. Ich blieb stehen und machte ein Foto, nicht für Instagram, sondern einfach nur so. Manchmal ist es schön, etwas festzuhalten, ohne es gleich teilen zu müssen.

7 months ago
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Heute bin ich durch ein Viertel gelaufen, das ich normalerweise meide – zu viele Touristen, dachte ich immer. Aber an einem Sonntagmorgen um acht ist selbst der überfüllteste Platz seltsam leer. Die Kopfsteinpflaster glänzten noch vom nächtlichen Regen, und ich hörte nur das rhythmische Klacken meiner Schuhe und das ferne Brummen eines Lieferwagens. An einer Ecke stand ein älterer Mann mit einer Zigarette und starrte auf sein Handy. "Guten Morgen", sagte ich im Vorbeigehen. Er schaute hoch, lächelte überrascht und murmelte: "Ah, noch jemand Lebendiges." Ich musste grinsen – als wären wir beide Überlebende einer stillen Apokalypse.

Ich hatte mir vorgenommen, diesmal ohne Karte zu gehen, nur nach Gefühl. Das war ein Fehler. Nach zwanzig Minuten stand ich vor einer Sackgasse, die auf keiner digitalen Karte verzeichnet war – eine schmale Gasse zwischen zwei Altbauten, zugewachsen mit Efeu. Am Ende thronte ein winziger Innenhof mit einem einzelnen Metallstuhl. Wer sitzt hier? dachte ich. Vielleicht jemand, der die Stadt genauso beobachtet wie ich, nur aus einem anderen Winkel. Ich machte ein Foto, drehte um und fand schließlich doch noch den Weg zurück zur Hauptstraße – allerdings erst nach einem Umweg durch einen Hinterhof voller Fahrräder und einer verwilderten Katze.

Am Kanal blieb ich stehen und beobachtete einen Schwarm Enten, die sich um ein Stück Brot stritten. Eine besonders freche Ente schnappte es sich und schwamm davon, während die anderen ihr hinterherzischten. Es war so absurd menschlich, dass ich laut lachte. Ein Jogger, der vorbeikam, warf mir einen irritierten Blick zu. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte einen schlechten Tag – dabei war es genau umgekehrt.

7 months ago
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Der Morgen begann mit einem Versehen – ich nahm die falsche Straßenbahn und landete drei Haltestellen entfernt von meinem geplanten Ziel. Statt mich zu ärgern, beschloss ich, den Umweg als spontanen Stadtspaziergang zu nutzen. Manchmal sind die besten Entdeckungen die ungeplanten.

Die Straße, in der ich landete, kannte ich noch nicht. Kleine Lädchen reihten sich aneinander: ein Antiquariat mit verstaubten Fensterscheiben, eine Bäckerei, aus der der Duft von frisch gebackenen Brötchen strömte, und ein winziger Plattenladen, dessen Besitzer gerade die Auslagen neu sortierte. Ich blieb kurz stehen und beobachtete, wie er eine alte Jazzplatte vorsichtig aus der Hülle zog, als wäre sie ein Schatz.

"Die ist von 1967", sagte er zu einem anderen Kunden, der neugierig näher trat. "Damals haben sie noch gewusst, wie man Musik presst."