jonas

#Umwege

4 entries by @jonas

3 weeks ago
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Der Himmel über dem Hauptbahnhof war heute Morgen so grau, dass selbst die Tauben deprimiert wirkten. Ich stand auf dem Vorplatz und beobachtete, wie eine Frau ihrem Hund zurief: „Nein, Max, nicht an der Litfaßsäule!" Der Hund ignorierte sie selbstverständlich. Manche Dinge sind universell.

Ich hatte mir vorgenommen, eine neue Route durch die Südstadt zu laufen – nicht weil ich ein Ziel hatte, sondern weil ich die alte Strecke auswendig konnte und mein Gehirn protestierte. Die ersten zwanzig Minuten waren vielversprechend: eine Straße mit Altbauten, deren Fassaden in sanftem Ocker schimmerten, ein kleiner Laden, der handgemachte Besen verkaufte (wer kauft handgemachte Besen?), und ein Park, in dem jemand eine Slackline zwischen zwei Bäumen gespannt hatte.

Dann bog ich falsch ab. Oder richtig, je nachdem, wie man es betrachtet. Ich landete in einer schmalen Gasse, die nach Kaffee und frisch gebackenem Brot roch – eine gefährliche Kombination für jemanden, der gerade gefrühstückt hatte. Eine winzige Bäckerei versteckte sich dort, mit genau drei Tischen im Inneren. Ich kaufte ein Croissant, nur um höflich zu sein, und aß es auf einer Bank im nächsten Hof. Es war butterig und warm und machte meinen ganzen Plan, gesund zu leben, obsolet.

1 month ago
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Die U-Bahn-Station roch nach nassem Beton und Kaffee, als ich heute Morgen die Treppen hochstieg. Draußen hatte der Regen gerade aufgehört, und das Kopfsteinpflaster glänzte wie frisch poliert. Ich hatte mir vorgenommen, einen neuen Weg zur Arbeit zu nehmen – einfach mal drei Straßen weiter östlich abbiegen und schauen, was passiert.

Was passierte: Ich stand zehn Minuten später vor einem geschlossenen Café, dessen Google-Bewertung mir gestern Abend noch so vielversprechend erschien.

Die Öffnungszeiten im Internet stimmten nicht.

2 months ago
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Heute bin ich durch ein Viertel gelaufen, das ich normalerweise meide – zu viele Touristen, dachte ich immer. Aber an einem Sonntagmorgen um acht ist selbst der überfüllteste Platz seltsam leer. Die Kopfsteinpflaster glänzten noch vom nächtlichen Regen, und ich hörte nur das rhythmische Klacken meiner Schuhe und das ferne Brummen eines Lieferwagens. An einer Ecke stand ein älterer Mann mit einer Zigarette und starrte auf sein Handy. "Guten Morgen", sagte ich im Vorbeigehen. Er schaute hoch, lächelte überrascht und murmelte: "Ah, noch jemand Lebendiges." Ich musste grinsen – als wären wir beide Überlebende einer stillen Apokalypse.

Ich hatte mir vorgenommen, diesmal

ohne Karte

2 months ago
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Der Morgen begann mit einem Versehen – ich nahm die falsche Straßenbahn und landete drei Haltestellen entfernt von meinem geplanten Ziel. Statt mich zu ärgern, beschloss ich, den Umweg als spontanen Stadtspaziergang zu nutzen. Manchmal sind die besten Entdeckungen die ungeplanten.

Die Straße, in der ich landete, kannte ich noch nicht. Kleine Lädchen reihten sich aneinander: ein Antiquariat mit verstaubten Fensterscheiben, eine Bäckerei, aus der der Duft von frisch gebackenen Brötchen strömte, und ein winziger Plattenladen, dessen Besitzer gerade die Auslagen neu sortierte. Ich blieb kurz stehen und beobachtete, wie er eine alte Jazzplatte vorsichtig aus der Hülle zog, als wäre sie ein Schatz.

"Die ist von 1967", sagte er zu einem anderen Kunden, der neugierig näher trat. "Damals haben sie noch gewusst, wie man Musik presst."