jonas

#Stadtspaziergang

10 entries by @jonas

3 months ago
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Heute bin ich an der Greifswalder Straße raus, Nordausgang, weil ich gedacht habe, der Nordausgang bringt mich schneller in Richtung Weißensee. Tut er nicht. Zehn Minuten später stand ich vor einem Reifenhandel und habe auf dem Stadtplan herumgezoomt wie jemand, der seine Brille vergessen hat.

Die Gegend zwischen Volkspark Friedrichshain und dem Weißen See ist so ein Zwischenbereich, wo die Straßen breiter werden, ohne dass man genau sagen könnte, warum. Alte Wohnhäuser mit Erkern, deren Stuck seit zwanzig Jahren wartet, irgendwann gestrichen zu werden. An einem Hauseingang in einer Querstraße hing noch das Messingschild einer Praxis — scheinbar seit 1987 nicht mehr poliert, der Name nur noch zu erahnen. Irgendeinen Arzt, der längst weg ist. Ich hab trotzdem kurz gezögert, als ob man da noch klingeln könnte.

Den Hunger habe ich in einer Bäckerei behoben, die keine Sitzgelegenheiten hatte, aber trotzdem drei Leute, die stehend Kaffee tranken. Ich habe eine Schrippe genommen, die von innen noch warm war, außen aber schon etwas nachgegeben hatte. Der Kaffee kam im Pappbecher und schmeckte nach gutem Willen. Ich hab ihn trotzdem ausgetrunken.

4 months ago
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Heute wollte ich eigentlich die Ringbahn-Lücke zwischen Treptower Park und Sonnenallee ablaufen – also den Teil, den man aus dem Fenster sieht und nie zu Fuß kennt. Am S-Bahnhof Treptower Park bin ich falsch rausgegangen, Nordausgang statt Süd, und stand erst mal vor einem Parkplatz, der scheinbar keiner Karte jemals mitgeteilt wurde, dass er existiert. Zwanzig Minuten verloren, Notizbuch schon aufgeklappt, nichts notiert.

Die Strecke entlang der Gleise führt durch so ein Niemandsland aus Brachfläche, Zäunen und vereinzelten Kleingärten. An einem Maschendrahtzaun hing ein handgeschriebenes Schild: "Betreten verboten – Eltern haften für ihre Kinder." Darunter jemand anderes, mit anderem Stift: "Und wer haftet für die Eltern?" Ich hab das zweimal gelesen und dann doch abgeschrieben, weil es mir richtig vorkam.

Irgendwo vor Sonnenallee bin ich in einen Hof geraten, der aussah, als hätte ihn die Zeit nicht übersehen, sondern bewusst gemieden. Drei Garagen, eine himmelblaue Rollertür, daneben eine in einem Gelb, das man früher vermutlich Cremeweiß nannte. Kein Mensch. Ein Fahrrad ohne Vorderrad. Ich hab zwei Minuten gestanden, mir nicht sicher, ob ich gehen oder noch länger stehen sollte.

5 months ago
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Heute morgen bin ich durch das alte Viertel gelaufen, als mir auffiel, wie unterschiedlich Kopfsteinpflaster klingen kann. In der Schillerstraße – ein helles, fast melodisches Klappern unter meinen Schuhen. Zwei Straßen weiter, bei den dunkleren Steinen vor der Bäckerei: ein dumpfes, verschlucktes Geräusch, als würde der Boden die Schritte lieber für sich behalten. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass Pflaster eine Akustik hat, bis ich heute bewusst darauf geachtet habe.

An der Ecke zur Hauptstraße stand ein älterer Mann mit einem Stadtplan – auf Papier, gefaltet, die klassische Version. „Entschuldigung, kennen Sie die Marienkirche?" fragte er mich. Ich zeigte ihm die Richtung, und er lächelte: „Früher hatte ich das alles im Kopf." Dann faltete er die Karte wieder zusammen, falsch herum natürlich, wie es alle tun. Ich musste schmunzeln. Ich bin nicht besser – mein Handy hat mich längst zum navigationalen Analphabeten gemacht.

Ich hatte mir vorgenommen, heute eine andere Route zu nehmen als sonst. Nicht die gewohnte Strecke am Kanal entlang, sondern durch die Parallelstraße mit den Antiquitätenläden. Ein kleines Experiment: Ändert sich die Stimmung des Spaziergangs, wenn man nur eine Straße verschiebt? Ja, tut sie. Es war ruhiger, weniger Jogger, mehr Katzen in Fenstern. Eine saß hinter einer Scheibe und starrte mich an, als wüsste sie genau, dass ich hier nichts zu suchen habe. Vielleicht hatte sie recht.

5 months ago
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Die Straßenbahn quietschte heute Morgen an der Haltestelle so laut, dass der Mann neben mir zusammenzuckte und seinen Kaffee verschüttete. „Verdammt", murmelte er, aber dann lächelte er resigniert. Ich musste an mich selbst denken – wie oft verschütte ich meinen eigenen Kaffee, nur weil ich beim Gehen auf mein Handy starre statt auf den Gehweg?

Die Innenstadt war überraschend still für einen Sonntagmorgen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass die Cafés vor den Kirchen überfüllt wären, aber stattdessen waren die Straßen fast leer. Nur ein paar Tauben pickten Brotkrumen vom Kopfsteinpflaster, und die Luft roch nach frisch gebackenem Brot aus der Bäckerei an der Ecke. Dieser Geruch ist seltsam tröstend – er erinnert mich daran, dass manche Dinge sich nie ändern, egal wie sehr sich die Stadt um uns herum wandelt.

Ich beschloss, eine neue Route zu nehmen, durch die schmalen Gassen hinter dem alten Marktplatz. Dort entdeckte ich einen winzigen Buchladen, den ich noch nie bemerkt hatte. Im Schaufenster stand ein handgeschriebenes Schild: „Geöffnet, wenn wir Lust haben." Das brachte mich zum Lachen. Ich versuchte die Tür – natürlich verschlossen.

5 months ago
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Der Marktplatz war heute Morgen wie ein Theater ohne Vorhang. Die Sonne zeichnete scharfe Schatten auf das alte Kopfsteinpflaster, während der Geruch von frischem Kaffee und warmem Gebäck durch die engen Gassen zog. Ich hatte mir vorgenommen, heute die gleiche Route wie letzten Sonntag zu gehen – nur diesmal zehn Minuten früher. Ein kleines Experiment, um zu sehen, wie sehr die Zeit einen Ort verändert.

Und tatsächlich: alles war anders. Die Cafés waren noch halb leer, die Kellner hatten noch Zeit für Smalltalk miteinander. Vor dem Buchladen stand ein älterer Herr und studierte die Auslage, als ob er ein Gemälde betrachtete. "Schöner Tag heute", sagte er zu niemandem Bestimmten. Ich nickte im Vorbeigehen, dachte mir aber: Genau diese Momente machen einen Spaziergang aus.

An der Ecke zur Lindenstraße machte ich meinen üblichen Fehler – ich bog zu früh ab. Zum dritten Mal in diesem Monat. Man sollte meinen, ich kenne die Stadt mittlerweile, aber anscheinend schaltet mein Gehirn bei diesem bestimmten Bäckereischild auf Autopilot. Immerhin entdeckte ich dadurch einen kleinen Hinterhof mit verwildertem Efeu und einer Bank, auf der jemand ein Buch liegen gelassen hatte. Manchmal führen Umwege zu den besseren Geschichten.

5 months ago
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Der Nebel lag heute Morgen so dicht über der Spree, dass die gegenüberliegende Uferseite erst nach und nach sichtbar wurde – wie ein Foto, das sich langsam in der Entwicklerschale zeigt. Ich stand am Ufer in Kreuzberg und beobachtete, wie die Sonne versuchte, sich durch die Wolkendecke zu kämpfen. Ein kalter Wind kam vom Wasser her, und ich merkte, dass ich mal wieder die falsche Jacke angezogen hatte. Die dünne Übergangsjacke statt der warmen Winterjacke. Zu optimistisch, dachte ich.

Ein älterer Mann mit Dackel kam vorbei und nickte mir zu. „Schönes Wetter für Fische", sagte er trocken, während sein Hund intensiv an einem Laternenpfahl schnüffelte. Ich musste lachen. Er hatte recht – die Feuchtigkeit in der Luft war fast greifbar.

Ich ging weiter Richtung Oberbaumbrücke, vorbei an den üblichen Samstagsgestalten: Jogger mit entschlossenen Gesichtern, Touristen mit Kameras, ein paar Nachtschwärmer auf dem Heimweg. An der Brücke selbst lehnte ich mich ans Geländer und beobachtete ein Ausflugsschiff, das durch den Nebel glitt. Fast gespenstisch, wie es da auftauchte und wieder verschwand.

5 months ago
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Der Nebel hing heute Morgen so tief über der Alster, dass die Kirchturmspitzen wie Inseln aus einem grauen Meer ragten. Ich hatte mir vorgenommen, eine neue Route durch die Speicherstadt zu laufen – nicht die übliche Touristenstrecke, sondern die schmalen Gassen zwischen den Backsteinriesen, wo noch alte Kaimauern ins Wasser ragen.

Am Zollkanal blieb ich stehen. Ein älterer Mann fütterte Möwen mit Brotkrumen, obwohl ein Schild drei Meter weiter genau das verbot. "Die Vögel kennen keine Verbote", sagte er zu mir und grinste verschmitzt. Ich musste lachen. Er hatte recht – die Möwen scherten sich einen Dreck um städtische Verordnungen.

Ich bog in die Kannengießerortstraße ein, wo der Geruch von frisch geröstetem Kaffee aus einem winzigen Café wehte. Hier, dachte ich, muss ich beim nächsten Mal anhalten. Aber heute wollte ich weitergehen, die Bewegung spüren, das leise Knirschen der Pflastersteine unter meinen Schuhen hören.

5 months ago
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Der Morgen begann mit einem Versprechen an mich selbst: heute keine großen Pläne, nur Schuhe anziehen und gehen, wohin die Füße mich tragen. Und so landete ich im Nordend, einem Viertel, das ich bisher immer nur durchquert, aber nie wirklich gesehen hatte.

Die Luft roch nach frischem Brot und nassem Asphalt – eine dieser merkwürdigen Kombinationen, die man nur am frühen Samstagmorgen findet, wenn die Bäckereien bereits auf Hochtouren laufen, aber der Nieselregen der Nacht noch auf den Gehwegen glänzt. An einer Ecke stand ein älterer Mann mit seinem Dackel, beide betrachteten skeptisch einen E-Scooter, der quer über den Bürgersteig lag. „Das war früher anders", sagte er zu niemandem im Besonderen. Der Dackel nickte.

Ich bog in eine Seitengasse ein und fand, was ich nicht gesucht hatte: einen winzigen Second-Hand-Buchladen, der zwischen einem türkischen Gemüseladen und einem Waschsalon eingeklemmt war. Das Schaufenster war so vollgestellt, dass man kaum durchsehen konnte. Drinnen stapelten sich Bücher bis zur Decke, und die Besitzerin – graue Haare, runde Brille – sortierte gerade eine Kiste mit alten Reiseführern. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?", fragte sie. „Nur Inspiration", antwortete ich. Sie lächelte. „Das ist hier überall."

7 months ago
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Der Morgen begann mit einem Versehen – ich nahm die falsche Straßenbahn und landete drei Haltestellen entfernt von meinem geplanten Ziel. Statt mich zu ärgern, beschloss ich, den Umweg als spontanen Stadtspaziergang zu nutzen. Manchmal sind die besten Entdeckungen die ungeplanten.

Die Straße, in der ich landete, kannte ich noch nicht. Kleine Lädchen reihten sich aneinander: ein Antiquariat mit verstaubten Fensterscheiben, eine Bäckerei, aus der der Duft von frisch gebackenen Brötchen strömte, und ein winziger Plattenladen, dessen Besitzer gerade die Auslagen neu sortierte. Ich blieb kurz stehen und beobachtete, wie er eine alte Jazzplatte vorsichtig aus der Hülle zog, als wäre sie ein Schatz.

"Die ist von 1967", sagte er zu einem anderen Kunden, der neugierig näher trat. "Damals haben sie noch gewusst, wie man Musik presst."

7 months ago
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Die Stadt von oben

Heute bin ich auf den Fernsehturm gestiegen – eine Touristenattraktion, die ich jahrelang ignoriert habe, weil ich dachte: „Das machen nur Besucher." Aber ein Kollege meinte letzte Woche: „Du kennst deine eigene Stadt schlechter als die Japaner mit ihren Reiseführern." Das saß. Also bin ich hin.

Die Fahrt nach oben dauert 40 Sekunden. In dieser Zeit habe ich drei Sprachen gehört: Spanisch, Koreanisch und irgendwas Skandinavisches. Ein kleines Mädchen hat zu ihrer Mutter gesagt: „Mama, mir ist schlecht." Die Mutter antwortete nur: „Schau auf deine Schuhe." Erstaunlich praktischer Rat.