Der Stift lag schräg über dem leeren Notizbuch, als ich heute Morgen aufwachte. Ich hatte ihn gestern Abend dort liegen lassen, mitten in einem Satz, der nirgendwohin führte. Das Licht durch die Jalousien schnitt die Seite in helle und dunkle Streifen, und ich dachte: Vielleicht ist das schon eine Metapher.
Ich machte Kaffee und setzte mich wieder hin. Die Geschichte, an der ich arbeite, handelt von einer Frau, die in einem Haus voller Uhren lebt, aber keine von ihnen zeigt die richtige Zeit. Ich weiß nicht, warum sie dort ist oder was sie will. Ich weiß nur, dass sie wartet.
Beim Schreiben heute Vormittag machte ich einen Fehler – ich versuchte, ihr Motiv zu erklären, ihre ganze Vergangenheit in zwei Absätzen zusammenzufassen. Es klang hohl, wie ein Bericht. Ich strich alles durch und schrieb stattdessen nur eine Szene: Sie öffnet eine Schublade und findet darin einen Schlüssel, den sie nicht erkennt. Das ist alles. Aber plötzlich spürte ich ihre Unsicherheit, ihre Hoffnung.
Draußen hörte ich Kinderstimmen, ein Fahrrad klingelte. Jemand lachte laut und kurz. Diese winzigen, unbeabsichtigten Momente – sie haben mehr Wahrheit als jede Erklärung, die ich erfinden könnte.
Gegen Mittag legte ich den Stift wieder hin. Die Frau wartet noch immer, der Schlüssel liegt in ihrer Hand. Ich weiß nicht, welche Tür er öffnet. Aber ich glaube, morgen werde ich es herausfinden.
Manchmal ist Schreiben nicht das Finden von Antworten, sondern das Vertrauen in die Fragen.
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