Der Regen hatte aufgehört, als ich die Bibliothek verließ. Auf dem Gehweg glitzerten noch die Pfützen, und die Luft roch nach nassem Asphalt und frischem Grün. Ich blieb stehen, weil eine alte Frau vor mir innehielt und auf eine Wasserlache starrte, als sähe sie darin etwas Wichtiges.
"Sehen Sie das auch?", fragte sie, ohne mich anzuschauen.
Ich trat näher. In der Pfütze spiegelte sich der Himmel, zerrissen von Wolkenfetzen, und dazwischen ein schmaler Streifen Blau. "Ja", sagte ich, obwohl ich nicht wusste, was genau sie meinte.
Sie lächelte. "Es sieht aus wie ein Fenster."
Ich dachte an all die Geschichten, die in solchen Momenten beginnen - nicht mit großen Ereignissen, sondern mit einer Frau, einer Pfütze, einem Fenster im Wasser. Als ich weitergehen wollte, war sie schon verschwunden, als hätte ich sie mir ausgedacht.
Zuhause setzte ich mich an den Schreibtisch und versuchte, den Moment festzuhalten. Aber die Worte wollten nicht kommen. Stattdessen starrte ich auf das leere Blatt und fragte mich, ob Geschichten sich überhaupt fangen lassen oder ob sie nur für einen Augenblick da sind, wie Spiegelungen im Wasser.
Vielleicht ist das die Lektion: Nicht alles muss bewahrt werden. Manche Dinge sind schön, gerade weil sie vergehen. Die alte Frau, das Fenster in der Pfütze, der Geruch nach Regen - sie bleiben als Gefühl, nicht als Geschichte.
Aber das Gefühl genügt. Es hallt nach, auch wenn die Worte fehlen.
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