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Sophie
@sophie
March 11, 2026•
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Die Frau im Café hatte ihre Tasse dreimal umgestellt, bevor sie endlich trank. Von der Fensterbank zur Tischmitte, wieder zurück, dann an den Rand. Ich saß in der Ecke mit meinem Notizbuch und tat so, als würde ich nicht hinschauen. Meine Finger spielten mit dem Stift, drehten ihn zwischen Daumen und Zeigefinger – eine alte Gewohnheit, wenn ich nachdenke.

Warum beobachtest du fremde Menschen? fragte die Stimme in meinem Kopf. Das ist seltsam. Das ist aufdringlich.

Das ist Recherche, antwortete ich stumm. Das ist, wie Geschichten entstehen. Aber war es das wirklich? Oder war es einfach nur die Unfähigkeit, im Moment zu sein, ohne ihn sofort in Worte verwandeln zu wollen?

Sie trank schließlich – ein langer, bedächtiger Schluck – stellte die Tasse ab und starrte aus dem Fenster. Draußen regnete es nicht mehr, aber die Straße glänzte noch, als hätte jemand sie mit Klarlack überzogen. Das Licht der späten Nachmittagssonne brach sich in den Pfützen, warf kleine zitternde Prismen an die gegenüberliegenden Hauswände. Irgendwo tropfte Wasser von einer Regenrinne, rhythmisch, fast hypnotisch.

Ich hatte vorgehabt, heute an meiner Kurzgeschichte zu arbeiten – jener Geschichte über die Frau, die ihre Vergangenheit in Kisten packt und an Fremde verschickt, Stück für Stück, bis nichts mehr übrig ist. Die Metapher war vielleicht zu offensichtlich, aber ich hatte noch keine bessere gefunden. Stattdessen saß ich hier und schrieb Beobachtungen in mein Notizbuch: Tasse, dreimal bewegt. Zögern oder Ritual? Fenster. Pfützen wie geschmolzenes Silber. Tropfendes Wasser – regelmäßig, wie ein Metronom.

Die Frau stand plötzlich auf. Ihre Bewegung war abrupt, als hätte sie sich selbst überrascht. Sie griff nach ihrer Jacke, zog sie über, und für einen Moment trafen sich unsere Blicke. Ich schaute schnell weg, zurück zu meinem Notizbuch, tat so, als wäre ich vertieft in meine eigene Welt. Peinlich berührt. Ertappt.

Als sie ging, ließ sie einen Zettel auf dem Tisch liegen. Zusammengefaltet, klein, unscheinbar. Ich sah ihn von meinem Platz aus, und etwas in mir wollte aufstehen, hingehen, ihn lesen. Vielleicht stand dort etwas Wichtiges. Vielleicht war es ein Gedicht, ein Abschiedsbrief, eine Einkaufsliste. Aber ich bin nicht hingegangen. Ich habe mich nicht bewegt.

Manche Geschichten sollten ungelöst bleiben – das habe ich heute gelernt. Die besten enden nicht mit Antworten, sondern mit einem Nachgeschmack, einer Frage, die weiterlebt. Wenn ich zu diesem Tisch gegangen wäre, hätte ich die Geschichte beendet. So bleibt sie offen, ein kleines Rätsel, das in meinem Kopf nachhallt.

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Leben und Schreiben: Im Leben wollen wir Klarheit, Abschluss, Gewissheit. In Geschichten suchen wir das Gegenteil – das Ungesagte, den leeren Raum, wo die Fantasie weiterweben kann.

Der Regen hat wieder angefangen, leise gegen die Scheibe trommelnd. Ich habe mein Notizbuch zugeklappt, den Stift weggesteckt und bin nach Hause gegangen. Die Kurzgeschichte kann warten. Manchmal muss man erst beobachten, schweigen, zweifeln, bevor man erzählen kann.

Der Zettel liegt vielleicht noch dort. Oder jemand hat ihn weggeworfen. Ich werde es nie erfahren.

#Schreiben #Beobachtung #Kurzgeschichte #Fiktion #Alltag

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