Die Frau im Zug hatte ein Buch dabei, dessen Einband so zerlesen war, dass ich den Titel nicht mehr erkennen konnte. Sie hielt es mit beiden Händen, als wäre es etwas Lebendiges, etwas, das weglaufen könnte, wenn sie nur einen Moment nicht aufpasste. Ich saß ihr gegenüber und tat so, als würde ich aus dem Fenster schauen, aber in Wahrheit beobachtete ich ihre Finger, wie sie über die Seiten glitten, langsam, fast zärtlich.
Ich fragte mich, wie oft sie dieses Buch wohl gelesen hatte. Zehn Mal? Zwanzig? Gab es Sätze darin, die sie auswendig kannte, die sie sich vorsagte, wenn sie nachts nicht schlafen konnte?
Dann passierte etwas Seltsames. Sie klappte das Buch zu, nicht um auszusteigen – ihre Haltung verriet, dass sie noch eine Weile fahren würde –, sondern einfach so. Sie legte es auf ihren Schoß und starrte auf den Einband, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Als wollte sie sich erinnern, wie es war, bevor sie die Geschichte kannte, bevor die Worte darin zu einem Teil von ihr wurden.
Ich hätte sie gern gefragt, wovon das Buch handelte. Aber ich wusste, dass manche Dinge nicht geteilt werden sollten, nicht mit Fremden im Zug, vielleicht überhaupt nicht. Stattdessen nahm ich mein eigenes Notizbuch heraus und schrieb eine Zeile auf: "Sie hielt das Buch, als könnte es ihr Herz brechen, und vielleicht tat es das, jedes Mal aufs Neue."
Zwei Stationen später stand sie auf. Das Buch ließ sie auf dem Sitz liegen. Ich sah zu, wie sie ausstieg, wie sie im Gedränge verschwand, und dann sah ich zurück zu dem Sitz. Das Buch war noch da. Es lag da wie eine Einladung, wie ein Test.
Ich stand nicht auf, um es zu nehmen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht weil ich dachte, dass manche Geschichten nicht mir gehören. Oder vielleicht weil ich wusste, dass die beste Geschichte nicht im Buch war, sondern in dem, was ich gerade gesehen hatte: eine Frau, die etwas zurückließ, das sie liebte.
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