Am Fenster stand ich heute Morgen länger als sonst. Das Licht war anders – nicht das helle Erwachen des Sommers, sondern dieses zögerliche Grau, das noch nicht weiß, ob es Tag werden will. Ein Vogel sang draußen, eine einzige Note, immer wieder. Ich dachte an eine Zeile, die ich einmal las: Wiederholung ist die Mutter der Bedeutung. Oder war es die Mutter der Verzweiflung?
Ich hatte mir vorgenommen, heute an der Geschichte weiterzuschreiben. Der Protagonist sollte endlich eine Entscheidung treffen, aber er tat es nicht. Stattdessen saß ich da und schrieb Sätze, die ich sofort wieder löschte. Das Problem war nicht die Geschichte – es war, dass ich nicht wusste, was ich selbst entscheiden würde. Wie soll man eine Figur zum Handeln bringen, wenn man selbst in der Schwebe hängt?
Gegen Mittag ging ich hinaus. Die Luft roch nach feuchter Erde und etwas Süßem, das ich nicht benennen konnte. Eine ältere Frau kam mir entgegen, einen kleinen Hund an der Leine. Der Hund blieb stehen, schaute mich an, als hätte er eine Frage. Die Frau lächelte. "Er mag Sie", sagte sie. Ich nickte, aber dachte: Woher weiß sie das? Vielleicht reicht es manchmal, einfach stehenzubleiben.
Zurück am Schreibtisch merkte ich, dass meine Figur auch nur stehenbleiben musste. Nicht jede Entscheidung braucht eine große Geste. Manchmal ist das Innehalten selbst die Antwort. Ich schrieb den Satz: "Er blieb stehen und hörte dem Vogel zu." Mehr nicht. Es fühlte sich richtig an.
Heute habe ich gelernt, dass Warten keine Schwäche ist, sondern eine Form der Aufmerksamkeit. Die Geschichten kommen, wenn sie kommen. Bis dahin bleibt nur das Fenster, das Licht und der Vogel, der seine eine Note singt.
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