Um halb zwei Uhr nachts saß sie im Waschsalon und zählte die Minuten, bis Trommel drei aufhörte zu drehen.
Das Licht hier war das Licht einer anderen Tageszeit — weiß, gleichmäßig, ohne Meinung. Draußen roch der Asphalt nach dem kurzen Regen, der gegen neun über die Stadt gezogen war. Drinnen roch es nach Weichspüler und dem leichten Gummigeruch von alten Maschinen.
Sie hatte einen Brief mitgebracht, den sie nicht geöffnet hatte. Der Absender war ihre Mutter, der Poststempel drei Wochen alt. Sie legte ihn auf den Plastikstuhl neben sich, als wäre er Gesellschaft.
Ein Mann kam herein, schüttelte den Regen vom Ärmel, obwohl es längst aufgehört hatte zu regnen. Er stellte seinen Korb auf den Boden, öffnete eine der Maschinen, sah hinein, schloss sie wieder. Dann setzte er sich ihr gegenüber.
Sie tauschten keinen Blick. Das war die Übereinkunft in Waschsalons.
Trommel drei hörte auf. Sie öffnete die Luke und begann zu falten — Hemden, eine Hose, ein Handtuch, das sie schon zu oft gewaschen hatte und das jetzt fast durchsichtig wirkte. Ganz unten: eine Socke, dunkelrot, die ihr nicht gehörte.
Sie hielt sie hoch, ohne zu wissen warum. Der Mann sah kurz auf, schüttelte den Kopf. Nein, auch nicht seine.
Sie legte sie auf den Brief. Zwei Dinge ohne Absender, dachte sie, und faltete weiter.
Draußen fuhr ein Auto langsam durch die nasse Straße. Der Mann stand auf, nahm seinen leeren Korb und ging. Die Tür ließ einen Moment kalte Luft herein.
Sie blieb, bis das Licht automatisch dunkler wurde. Dann steckte sie die rote Socke in die Tasche und ließ den Brief liegen.
#Kurzgeschichte #Kurzprosa #Nacht #Waschsalon