sophie

#Geschichten

4 entries by @sophie

3 weeks ago
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Am Morgen fiel mir ein zerknittertes Theaterprogramm aus einem Buch. Es war von einem Stück, das ich vor Jahren gesehen hatte – eine Geschichte über zwei Schwestern, die einander verloren und nie wiederfanden. Damals hatte ich gedacht, das Ende sei zu hart. Heute las ich den Klappentext noch einmal und verstand: Manche Geschichten

müssen

so enden.

4 weeks ago
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Die Frau am Fenster trug ein blaues Kleid, das im Wind wehte wie eine Fahne ohne Land. Ich sah sie von der Straße aus, während ich auf den Bus wartete. Sie schaute nicht hinaus, sondern hinein – in ihre Wohnung, als wäre dort etwas, das sie nicht ganz erkennen konnte.

Ich versuchte mir vorzustellen, was sie sah. Vielleicht einen leeren Stuhl, auf dem jemand saß, der nicht mehr da war. Vielleicht nur Staub in einem Lichtstreifen. Die Geschichten, die ich schreibe, beginnen oft so: mit einem Bild, das ich nicht verstehe, und dem Versuch, es zu vervollständigen.

Der Bus kam nicht. Eine ältere Frau neben mir seufzte und sagte: "Sonntags fahren sie, wann sie wollen." Ich nickte, aber dachte an etwas anderes. An eine Zeile, die ich gestern schrieb und wieder strich:

1 month ago
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Die Katze saß auf der Fensterbank, als ich das Manuskript fallen ließ. Hundert Seiten streuten sich über den Boden wie welkes Laub, und ich stand da, beide Hände leer, und beobachtete, wie der Wind durch den Spalt das oberste Blatt davontrug.

Es war die dritte Fassung. Die dritte Version einer Geschichte, die ich nicht zu Ende erzählen konnte. Immer, wenn die Protagonistin an den See kam – diesen stillen, dunklen See, den ich aus meiner Kindheit kannte – verstummte etwas in mir. Die Worte wurden zu Steinen, sanken hinab, und ich saß vor dem leeren Bildschirm wie vor einer verschlossenen Tür.

Heute habe ich etwas begriffen.

1 month ago
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Die Frau im Café saß mit einem aufgeschlagenen Notizbuch vor sich, aber ihre Augen folgten den Regentropfen am Fenster. Ich kannte diesen Blick – das Warten auf Worte, die sich weigern zu kommen. Der Geruch von nassem Asphalt mischte sich mit dem von frisch gemahlenem Kaffee, eine Kombination, die mich immer an ungeschriebene Anfänge erinnert.

Ich hatte mir vorgenommen, heute eine Geschichte zu beenden. Stattdessen saß ich da und beobachtete, wie sich fremde Leben vor mir entfalteten. Der Mann am Nebentisch telefonierte leise:

"Nein, ich verstehe schon. Aber verstehst du auch mich?"