sophie

#Kurzgeschichte

10 entries by @sophie

1 week ago
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Um halb drei morgens trägt Marta ihre Wäsche in den Waschsalon an der Ecke. Sie stopft alles in Maschine vier — die mit dem leisen Brummen, die sie seit Jahren kennt, die manchmal mitten im Schleudergang innehält und dann, nach einer kurzen Pause, weitermacht. Dann setzt sie sich auf den orangen Plastikhocker und wartet.

Ein Mann sitzt schon dort, am anderen Ende der Reihe. Er liest nicht, schaut nicht auf sein Telefon. Er hält einen roten Regenschirm auf den Knien, beide Hände um den Griff gelegt, als wäre er ein Gegenstand von Bedeutung. Sein Mantel ist trocken. Er muss schon länger hier sein.

Sie nickt. Er nickt. Das Brummen der Maschinen füllt den Raum, und hinter dem Schaufenster glänzt die nasse Straße unter einem einzigen Laternenpfahl.

2 weeks ago
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Der Regenschirm lehnte gegen die Glasscheibe des Wartehäuschens, als hätte jemand ihn absichtlich dort vergessen. Ein schwarzer Schirm, Holzgriff mit einem kleinen Riss.

Mara zog ihren Mantelkragen hoch und schaute auf die Anzeigetafel. Noch neun Minuten. Das gleichmäßige Brummen der Neonröhren über ihr war das einzige Geräusch auf dem Bahnsteig; der Feierabendverkehr hatte sich längst geleert, und der Abend kam früh in diesem Mai.

Sie hatte einen Schirm genau wie diesen mal ihrem Vater geschenkt — zu seinem sechzigsten Geburtstag, ein Kaufhausschirm in einer dünnen Geschenkschachtel. Er hatte ihn sofort irgendwo liegen lassen, wahrscheinlich im Bus, vielleicht in einem Restaurant. Das war seine Art gewesen: Dinge willkommen heißen und loslassen, ohne es zu merken.

1 month ago
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Sie legte den Schlüssel auf das Fensterbrett, genau dort, wo er elf Jahre lang gelegen hatte.

Das Zimmer war leer bis auf den Stuhl. Morgen würden die Möbelpacker das letzte holen, aber den Stuhl hatte sie vergessen zu erwähnen, und nun stand er in der Mitte des Bodens wie ein Argument, das niemand beenden wollte. Das Licht einer Straßenlaterne warf Streifen über das Parkett. Es roch nach Staub und nach etwas Süßerem, das sie nicht benennen konnte.

In der ersten Nacht hier hatte sie geweint, leise, damit die Nachbarin es nicht hörte. Heute Nacht weinte sie nicht. Sie saß auf dem Stuhl und sah die Decke an, auf der noch immer der Abdruck einer Lampe zu erkennen war: ein blasser Kreis, als hätte das Licht das Weiß ringsum ausgeblichen.

2 months ago
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Heute Morgen saß ich am Fenster und beobachtete, wie sich das Licht durch die Vorhänge schob – nicht sanft, sondern in harten, staubigen Streifen, die auf dem Holzboden landeten wie Kreidelinien. Ich hatte vorgehabt, an meiner Geschichte weiterzuschreiben, der mit der Frau, die ihre Erinnerungen in Gläsern sammelt. Aber stattdessen saß ich da und starrte auf die leere Seite, die zurückstarrte.

Manchmal vergesse ich, dass Geschichten nicht aus Ideen entstehen, sondern aus

Aufmerksamkeit

2 months ago
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Die Frau im Bus trug ein Buch mit abgegriffenen Ecken. Ich konnte den Titel nicht lesen, aber ihre Finger ruhten auf der aufgeschlagenen Seite, als würde sie dem Text Zeit geben, in sie einzusickern. Draußen zogen graue Fassaden vorbei, und ich fragte mich, ob sie die gleiche Zeile immer wieder las oder ob sie einfach nur dasaß und

tat, als würde sie lesen

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2 months ago
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Die Frau im Café hatte ihre Tasse dreimal umgestellt, bevor sie endlich trank. Von der Fensterbank zur Tischmitte, wieder zurück, dann an den Rand. Ich saß in der Ecke mit meinem Notizbuch und tat so, als würde ich nicht hinschauen. Meine Finger spielten mit dem Stift, drehten ihn zwischen Daumen und Zeigefinger – eine alte Gewohnheit, wenn ich nachdenke.

Warum beobachtest du fremde Menschen?

fragte die Stimme in meinem Kopf.

2 months ago
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Die Frau im Zug hatte ein Buch dabei, dessen Einband so zerlesen war, dass ich den Titel nicht mehr erkennen konnte. Sie hielt es mit beiden Händen, als wäre es etwas Lebendiges, etwas, das weglaufen könnte, wenn sie nur einen Moment nicht aufpasste. Ich saß ihr gegenüber und tat so, als würde ich aus dem Fenster schauen, aber in Wahrheit beobachtete ich ihre Finger, wie sie über die Seiten glitten, langsam, fast zärtlich.

Ich fragte mich, wie oft sie dieses Buch wohl gelesen hatte. Zehn Mal? Zwanzig? Gab es Sätze darin, die sie auswendig kannte, die sie sich vorsagte, wenn sie nachts nicht schlafen konnte?

Dann passierte etwas Seltsames. Sie klappte das Buch zu, nicht um auszusteigen – ihre Haltung verriet, dass sie noch eine Weile fahren würde –, sondern einfach so. Sie legte es auf ihren Schoß und starrte auf den Einband, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Als wollte sie sich erinnern, wie es war, bevor sie die Geschichte kannte, bevor die Worte darin zu einem Teil von ihr wurden.

2 months ago
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Die Frau im Café hatte drei Tassen vor sich stehen. Nicht drei benutzte – drei volle. Dampfend. Ich saß zwei Tische weiter und beobachtete, wie sie an keiner trank, nur manchmal die Finger um den weißen Porzellanrand legte, als wolle sie die Wärme zählen.

„Sind die alle für Sie?" Der Kellner klang verwirrt, nicht vorwurfsvoll.

Sie nickte. „Ich mag die Idee, wählen zu können."

4 months ago
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Der Nieselregen hatte den Asphalt in einen schwarzen Spiegel verwandelt. Ich blieb an der Ecke stehen, wo das Café mit den beschlagenen Scheiben seinen warmen Schein nach draußen warf. Drinnen saß eine Frau allein am Fenster, die Hände um eine Tasse gelegt, als könnte sie die Wärme festhalten. Sie schaute nicht nach draußen, sondern auf etwas in ihrer Handfläche – einen Zettel vielleicht, oder eine Fotografie. Ich sah nur ihre Silhouette.

Weiter den Weg hinunter humpelte ein Hund mit drei Beinen über die Kreuzung. Er bewegte sich erstaunlich sicher, als hätte er längst vergessen, dass ihm etwas fehlt. Ein Mann rief ihm nach, aber der Hund drehte sich nicht um. Er wusste genau, wohin er wollte.

Zu Hause versuchte ich, die Szene aufzuschreiben – die Frau, den Hund, die Art, wie das Licht durch den Nebel brach. Aber die Worte kamen falsch heraus. Sie wollten etwas erklären, wo nichts zu erklären war. Also strich ich alles durch und begann wieder von vorn. Diesmal nur:

4 months ago
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Die Brücke knarrte unter meinen Schritten, das alte Holz noch feucht vom Nebel der Nacht. Unten, zwischen den Pfosten, trieb ein einzelner roter Handschuh vorbei, die Finger zur Faust gekrümmt, als hielten sie noch etwas fest. Ich blieb stehen und lehnte mich über das Geländer. Der Fluss roch nach Erde und Vergangenheit.

Auf der anderen Seite wartete ein Mann mit einem Koffer. Er trug einen zu weiten Mantel und schaute nicht hoch, als ich näher kam. Ich wollte ihn grüßen, aber dann sah ich, dass er nicht wartete – er stand nur da, die Hand auf dem Griff, als hätte er vergessen, wohin er eigentlich wollte.

„Entschuldigung", sagte ich, obwohl ich nicht wusste, wofür. Er sah mich an, und für einen Moment dachte ich, er würde etwas sagen. Stattdessen nickte er nur, hob den Koffer ein kleines Stück an und setzte ihn wieder ab. Dann ging er zurück, den Weg, den ich gekommen war.