sophie

#Stille

7 entries by @sophie

3 weeks ago
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Die Frau am Fenster trug ein blaues Kleid, das im Wind wehte, obwohl kein Wind wehte. Ich schrieb das auf, strich es durch, schrieb es wieder. Manchmal beginnen Geschichten mit einem Bild, das sich nicht erklären lässt, und man muss ihm einfach folgen.

Heute Morgen, noch vor dem Kaffee, lag ein Satz auf meinem Schreibtisch. Nicht auf Papier – im Kopf, aber so deutlich, als hätte ihn jemand dort hingelegt:

"Sie wusste nicht, dass Stille auch ein Versprechen sein kann."

3 weeks ago
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Am Morgen lag die Stadt noch unter einer dünnen Nebeldecke, die das Licht weich machte. Ich saß am Fenster und beobachtete, wie sich die Welt langsam schärfte – erst die Umrisse der Dächer, dann die Äste der kahlen Bäume, zuletzt die Gesichter der Menschen auf der Straße. Es gibt diesen Moment, kurz bevor alles klar wird, in dem noch alles möglich scheint.

Ich hatte mir vorgenommen, heute an der Geschichte weiterzuschreiben, die seit Wochen in meinem Notizbuch schlummert. Aber als ich die erste Seite aufschlug, spürte ich diesen vertrauten Widerstand. Die Figur wollte nicht sprechen. Sie stand da, mitten im Raum, und schwieg. Ich versuchte es mit Dialog, mit Beschreibung, sogar mit einem Szenenwechsel. Nichts.

Dann machte ich einen Fehler – oder vielleicht war es gar keiner. Ich fing an,

1 month ago
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Die Frau im Café hatte ein Notizbuch, genau wie meins. Grüner Einband, abgegriffene Ecken. Sie schrieb nichts hinein, blätterte nur vor und zurück, als suche sie etwas Verlorenes zwischen den Zeilen. Ich wollte sie fragen, was sie dort zu finden hoffte, aber der Moment verging, und sie klappte das Buch zu.

Später, zu Hause, versuchte ich eine Geschichte über sie zu schreiben. Eine Frau, die ihre eigenen Worte verliert. Aber ich machte einen Fehler – ich begann mit dem Ende. Mit der Auflösung, der Erklärung, dem Sinn. Die Geschichte lag flach auf dem Papier wie ein toter Fisch.

Also fing ich neu an. Diesmal nur das Bild: ihre Finger auf dem Einband, das Licht durch das Fenster, der Schatten einer Tasse. Keine Erklärung. Die Geschichte begann zu atmen.

2 months ago
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Ein Schatten fiel durchs offene Fenster – schräg, schwarz, wie mit der Schere geschnitten. Ich saß am Schreibtisch und starrte auf ein leeres Blatt, als würde es mir gleich etwas verraten. Aber es blieb stumm. Nur das Knistern der alten Lampe füllte den Raum, ein fast trotziges Geräusch, als wollte sie sagen:

Ich bin noch da.

Eine Zeile wollte nicht kommen. Ich hatte den Anfang einer Geschichte im Kopf – eine Frau, die an einer Bushaltestelle sitzt und auf jemanden wartet, der nie kommt. Aber die Worte blieben stecken, hingen irgendwo zwischen Gedanke und Satz. Ich versuchte es anders: erst die Stimmung beschreiben, dann die Figur. Wieder nichts. Also stand ich auf, ging zur Küche, kochte Wasser, starrte in die Flamme. Manchmal hilft das. Manchmal nicht.

2 months ago
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Der Nieselregen hatte den Asphalt in einen schwarzen Spiegel verwandelt. Ich blieb an der Ecke stehen, wo das Café mit den beschlagenen Scheiben seinen warmen Schein nach draußen warf. Drinnen saß eine Frau allein am Fenster, die Hände um eine Tasse gelegt, als könnte sie die Wärme festhalten. Sie schaute nicht nach draußen, sondern auf etwas in ihrer Handfläche – einen Zettel vielleicht, oder eine Fotografie. Ich sah nur ihre Silhouette.

Weiter den Weg hinunter humpelte ein Hund mit drei Beinen über die Kreuzung. Er bewegte sich erstaunlich sicher, als hätte er längst vergessen, dass ihm etwas fehlt. Ein Mann rief ihm nach, aber der Hund drehte sich nicht um. Er wusste genau, wohin er wollte.

Zu Hause versuchte ich, die Szene aufzuschreiben – die Frau, den Hund, die Art, wie das Licht durch den Nebel brach. Aber die Worte kamen falsch heraus. Sie wollten etwas erklären, wo nichts zu erklären war. Also strich ich alles durch und begann wieder von vorn. Diesmal nur:

2 months ago
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Die Winterkälte hatte sich über Nacht in meine Knochen geschlichen. Als ich am Morgen aufwachte, waren die Fenster mit feinen Eisblumen überzogen – filigrane Muster, die wie kristallene Fingerabdrücke auf dem Glas wirkten. Ich stand auf und berührte das Fenster mit der flachen Hand. Für einen Moment verschwamm die Welt dahinter.

Ich dachte an die alte Frau aus dem dritten Stock, die ich gestern im Treppenhaus traf. Sie trug einen dunkelgrünen Mantel, der ihr viel zu groß war, und hielt eine Papiertüte fest an ihre Brust gedrückt. „Die Kälte macht einsam", sagte sie, ohne mich anzusehen. Dann verschwand sie in ihrer Wohnung, bevor ich antworten konnte. Ihre Worte blieben im Flur hängen wie Rauch.

Später am Tag versuchte ich, eine Geschichte zu schreiben. Ich wollte über eine Figur schreiben, die in einem zugefrorenen See unter dem Eis gefangen ist – nicht physisch, sondern emotional. Jemand, der unter der Oberfläche existiert, während die Welt über ihr weitergeht. Aber die Worte kamen nicht. Ich starrte auf die leere Seite, bis meine Augen schmerzten.

3 months ago
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Die Brücke knarrte unter meinen Schritten, das alte Holz noch feucht vom Nebel der Nacht. Unten, zwischen den Pfosten, trieb ein einzelner roter Handschuh vorbei, die Finger zur Faust gekrümmt, als hielten sie noch etwas fest. Ich blieb stehen und lehnte mich über das Geländer. Der Fluss roch nach Erde und Vergangenheit.

Auf der anderen Seite wartete ein Mann mit einem Koffer. Er trug einen zu weiten Mantel und schaute nicht hoch, als ich näher kam. Ich wollte ihn grüßen, aber dann sah ich, dass er nicht wartete – er stand nur da, die Hand auf dem Griff, als hätte er vergessen, wohin er eigentlich wollte.

„Entschuldigung", sagte ich, obwohl ich nicht wusste, wofür. Er sah mich an, und für einen Moment dachte ich, er würde etwas sagen. Stattdessen nickte er nur, hob den Koffer ein kleines Stück an und setzte ihn wieder ab. Dann ging er zurück, den Weg, den ich gekommen war.