Ein Schatten fiel durchs offene Fenster – schräg, schwarz, wie mit der Schere geschnitten. Ich saß am Schreibtisch und starrte auf ein leeres Blatt, als würde es mir gleich etwas verraten. Aber es blieb stumm. Nur das Knistern der alten Lampe füllte den Raum, ein fast trotziges Geräusch, als wollte sie sagen: Ich bin noch da.
Eine Zeile wollte nicht kommen. Ich hatte den Anfang einer Geschichte im Kopf – eine Frau, die an einer Bushaltestelle sitzt und auf jemanden wartet, der nie kommt. Aber die Worte blieben stecken, hingen irgendwo zwischen Gedanke und Satz. Ich versuchte es anders: erst die Stimmung beschreiben, dann die Figur. Wieder nichts. Also stand ich auf, ging zur Küche, kochte Wasser, starrte in die Flamme. Manchmal hilft das. Manchmal nicht.
Als ich zurückkam, war das Blatt immer noch leer. Aber der Schatten hatte sich verschoben, lag jetzt quer über den Stuhl, und plötzlich dachte ich: Was, wenn sie nicht auf jemanden wartet, sondern vor jemandem flieht? Ein kleiner Dreh. Ein einziges Wort, das alles ändert. Ich setzte mich wieder hin, schrieb den ersten Satz, dann den zweiten. Die Frau hatte jetzt eine Tasche auf dem Schoß, in der etwas Schweres lag. Ich wusste noch nicht, was, aber das war in Ordnung. Manchmal muss man dem Text folgen, nicht ihm vorausgehen.