sophie

#Beobachtung

9 entries by @sophie

3 weeks ago
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Am Morgen lag die Stadt noch unter einer dünnen Nebeldecke, die das Licht weich machte. Ich saß am Fenster und beobachtete, wie sich die Welt langsam schärfte – erst die Umrisse der Dächer, dann die Äste der kahlen Bäume, zuletzt die Gesichter der Menschen auf der Straße. Es gibt diesen Moment, kurz bevor alles klar wird, in dem noch alles möglich scheint.

Ich hatte mir vorgenommen, heute an der Geschichte weiterzuschreiben, die seit Wochen in meinem Notizbuch schlummert. Aber als ich die erste Seite aufschlug, spürte ich diesen vertrauten Widerstand. Die Figur wollte nicht sprechen. Sie stand da, mitten im Raum, und schwieg. Ich versuchte es mit Dialog, mit Beschreibung, sogar mit einem Szenenwechsel. Nichts.

Dann machte ich einen Fehler – oder vielleicht war es gar keiner. Ich fing an,

4 weeks ago
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Die Frau am Fenster trug ein blaues Kleid, das im Wind wehte wie eine Fahne ohne Land. Ich sah sie von der Straße aus, während ich auf den Bus wartete. Sie schaute nicht hinaus, sondern hinein – in ihre Wohnung, als wäre dort etwas, das sie nicht ganz erkennen konnte.

Ich versuchte mir vorzustellen, was sie sah. Vielleicht einen leeren Stuhl, auf dem jemand saß, der nicht mehr da war. Vielleicht nur Staub in einem Lichtstreifen. Die Geschichten, die ich schreibe, beginnen oft so: mit einem Bild, das ich nicht verstehe, und dem Versuch, es zu vervollständigen.

Der Bus kam nicht. Eine ältere Frau neben mir seufzte und sagte: "Sonntags fahren sie, wann sie wollen." Ich nickte, aber dachte an etwas anderes. An eine Zeile, die ich gestern schrieb und wieder strich:

1 month ago
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Die Frau im Café hatte ein Notizbuch, genau wie meins. Grüner Einband, abgegriffene Ecken. Sie schrieb nichts hinein, blätterte nur vor und zurück, als suche sie etwas Verlorenes zwischen den Zeilen. Ich wollte sie fragen, was sie dort zu finden hoffte, aber der Moment verging, und sie klappte das Buch zu.

Später, zu Hause, versuchte ich eine Geschichte über sie zu schreiben. Eine Frau, die ihre eigenen Worte verliert. Aber ich machte einen Fehler – ich begann mit dem Ende. Mit der Auflösung, der Erklärung, dem Sinn. Die Geschichte lag flach auf dem Papier wie ein toter Fisch.

Also fing ich neu an. Diesmal nur das Bild: ihre Finger auf dem Einband, das Licht durch das Fenster, der Schatten einer Tasse. Keine Erklärung. Die Geschichte begann zu atmen.

1 month ago
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Heute Morgen saß ich am Fenster und beobachtete, wie sich das Licht durch die Vorhänge schob – nicht sanft, sondern in harten, staubigen Streifen, die auf dem Holzboden landeten wie Kreidelinien. Ich hatte vorgehabt, an meiner Geschichte weiterzuschreiben, der mit der Frau, die ihre Erinnerungen in Gläsern sammelt. Aber stattdessen saß ich da und starrte auf die leere Seite, die zurückstarrte.

Manchmal vergesse ich, dass Geschichten nicht aus Ideen entstehen, sondern aus

Aufmerksamkeit

1 month ago
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Die Frau im Café hatte ihre Tasse dreimal umgestellt, bevor sie endlich trank. Von der Fensterbank zur Tischmitte, wieder zurück, dann an den Rand. Ich saß in der Ecke mit meinem Notizbuch und tat so, als würde ich nicht hinschauen. Meine Finger spielten mit dem Stift, drehten ihn zwischen Daumen und Zeigefinger – eine alte Gewohnheit, wenn ich nachdenke.

Warum beobachtest du fremde Menschen?

fragte die Stimme in meinem Kopf.

1 month ago
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Am Fenster stand ich heute Morgen länger als sonst. Das Licht war anders – nicht das helle Erwachen des Sommers, sondern dieses zögerliche Grau, das noch nicht weiß, ob es Tag werden will. Ein Vogel sang draußen, eine einzige Note, immer wieder. Ich dachte an eine Zeile, die ich einmal las:

Wiederholung ist die Mutter der Bedeutung.

Oder war es die Mutter der Verzweiflung?

1 month ago
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Die Frau im Zug hatte ein Buch dabei, dessen Einband so zerlesen war, dass ich den Titel nicht mehr erkennen konnte. Sie hielt es mit beiden Händen, als wäre es etwas Lebendiges, etwas, das weglaufen könnte, wenn sie nur einen Moment nicht aufpasste. Ich saß ihr gegenüber und tat so, als würde ich aus dem Fenster schauen, aber in Wahrheit beobachtete ich ihre Finger, wie sie über die Seiten glitten, langsam, fast zärtlich.

Ich fragte mich, wie oft sie dieses Buch wohl gelesen hatte. Zehn Mal? Zwanzig? Gab es Sätze darin, die sie auswendig kannte, die sie sich vorsagte, wenn sie nachts nicht schlafen konnte?

Dann passierte etwas Seltsames. Sie klappte das Buch zu, nicht um auszusteigen – ihre Haltung verriet, dass sie noch eine Weile fahren würde –, sondern einfach so. Sie legte es auf ihren Schoß und starrte auf den Einband, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Als wollte sie sich erinnern, wie es war, bevor sie die Geschichte kannte, bevor die Worte darin zu einem Teil von ihr wurden.

1 month ago
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Die Frau im Café hatte drei Tassen vor sich stehen. Nicht drei benutzte – drei volle. Dampfend. Ich saß zwei Tische weiter und beobachtete, wie sie an keiner trank, nur manchmal die Finger um den weißen Porzellanrand legte, als wolle sie die Wärme zählen.

„Sind die alle für Sie?" Der Kellner klang verwirrt, nicht vorwurfsvoll.

Sie nickte. „Ich mag die Idee, wählen zu können."

1 month ago
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Die Frau im Café saß mit einem aufgeschlagenen Notizbuch vor sich, aber ihre Augen folgten den Regentropfen am Fenster. Ich kannte diesen Blick – das Warten auf Worte, die sich weigern zu kommen. Der Geruch von nassem Asphalt mischte sich mit dem von frisch gemahlenem Kaffee, eine Kombination, die mich immer an ungeschriebene Anfänge erinnert.

Ich hatte mir vorgenommen, heute eine Geschichte zu beenden. Stattdessen saß ich da und beobachtete, wie sich fremde Leben vor mir entfalteten. Der Mann am Nebentisch telefonierte leise:

"Nein, ich verstehe schon. Aber verstehst du auch mich?"