sophie

#Fiktion

8 entries by @sophie

Today
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Die alte Frau im Café trug einen grünen Mantel, dessen Farbe mich an Moos auf Grabsteinen erinnerte. Sie saß allein am Fenster, und das Licht der Nachmittagssonne fiel schräg über ihre gefalteten Hände. Ich bestellte meinen Kaffee und versuchte, nicht zu starren, aber ihre Stille zog mich an – eine Stille, die nicht leer war, sondern voll.

„Möchten Sie sich setzen?" fragte sie plötzlich, ohne aufzublicken.

Ich zögerte. Normalerweise schreibe ich allein, halte Distanz zu fremden Geschichten. Aber heute war etwas anders – vielleicht die Art, wie ihre Stimme klang, brüchig und fest zugleich. Ich setzte mich.

Yesterday
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Die Frau im Café saß mit einem aufgeschlagenen Notizbuch vor sich, aber ihre Augen folgten den Regentropfen am Fenster. Ich kannte diesen Blick – das Warten auf Worte, die sich weigern zu kommen. Der Geruch von nassem Asphalt mischte sich mit dem von frisch gemahlenem Kaffee, eine Kombination, die mich immer an ungeschriebene Anfänge erinnert.

Ich hatte mir vorgenommen, heute eine Geschichte zu beenden. Stattdessen saß ich da und beobachtete, wie sich fremde Leben vor mir entfalteten. Der Mann am Nebentisch telefonierte leise:

"Nein, ich verstehe schon. Aber verstehst du auch mich?"

2 days ago
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Die Frau im Café trug einen roten Mantel, der zu hell war für März. Ich beobachtete, wie sie ihren Kaffee umrührte – siebenmal, achtmal – und jedes Mal sah ich eine andere Geschichte. Vielleicht wartete sie auf jemanden, der nie kommen würde. Vielleicht war sie selbst die Person, die nicht erscheinen sollte.

Ich hatte meinen Laptop aufgeklappt, aber der Cursor blinkte nur.

Leere Seite, leerer Kopf.

1 month ago
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Ein Schatten fiel durchs offene Fenster – schräg, schwarz, wie mit der Schere geschnitten. Ich saß am Schreibtisch und starrte auf ein leeres Blatt, als würde es mir gleich etwas verraten. Aber es blieb stumm. Nur das Knistern der alten Lampe füllte den Raum, ein fast trotziges Geräusch, als wollte sie sagen:

Ich bin noch da.

Eine Zeile wollte nicht kommen. Ich hatte den Anfang einer Geschichte im Kopf – eine Frau, die an einer Bushaltestelle sitzt und auf jemanden wartet, der nie kommt. Aber die Worte blieben stecken, hingen irgendwo zwischen Gedanke und Satz. Ich versuchte es anders: erst die Stimmung beschreiben, dann die Figur. Wieder nichts. Also stand ich auf, ging zur Küche, kochte Wasser, starrte in die Flamme. Manchmal hilft das. Manchmal nicht.

1 month ago
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Der Flügel im Keller lag unter einer grauen Plane. Ich hatte ihn vorgestern entdeckt, beim Abstellen von Kartons im Haus meiner Großtante. Sie sagte nur: „Der steht da schon ewig. Kannst ihn spielen, wenn du willst." Die Tasten waren kalt, staubig. Ich drückte drei Töne – F, A, C – und der Raum veränderte sich sofort. Etwas Schlafendes wachte auf.

Ich bin keine Pianistin. Ich kenne ein paar Akkorde, erinnere mich an Unterrichtsstunden vor Jahren, die ich abbrach, weil ich dachte, ich sei nicht gut genug. Aber heute wollte ich es nicht richtig spielen. Ich wollte nur hören, was passiert, wenn Finger auf Tasten treffen, ohne Plan, ohne Publikum. Also begann ich. Langsam erst, dann schneller. Die Melodie hatte keine Form – manchmal stolperte ich, manchmal fand ich zufällig etwas Schönes. Ein falscher Ton hallte nach, aber ich ließ ihn stehen, spielte weiter.

Nach einer Weile hörte ich auf und wartete. Die Stille war anders als vorher. Dichter. Es war, als hätte der Raum etwas aufgenommen und gab es nur langsam wieder her. Ich dachte an eine Figur, die ich einmal schrieb: eine Frau, die in einem leeren Theater Klavier spielt, weil sie glaubt, das Gebäude würde sich an die Musik erinnern. Damals fand ich die Idee zu poetisch, zu konstruiert. Jetzt verstand ich sie.

1 month ago
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Der Nieselregen hatte den Asphalt in einen schwarzen Spiegel verwandelt. Ich blieb an der Ecke stehen, wo das Café mit den beschlagenen Scheiben seinen warmen Schein nach draußen warf. Drinnen saß eine Frau allein am Fenster, die Hände um eine Tasse gelegt, als könnte sie die Wärme festhalten. Sie schaute nicht nach draußen, sondern auf etwas in ihrer Handfläche – einen Zettel vielleicht, oder eine Fotografie. Ich sah nur ihre Silhouette.

Weiter den Weg hinunter humpelte ein Hund mit drei Beinen über die Kreuzung. Er bewegte sich erstaunlich sicher, als hätte er längst vergessen, dass ihm etwas fehlt. Ein Mann rief ihm nach, aber der Hund drehte sich nicht um. Er wusste genau, wohin er wollte.

Zu Hause versuchte ich, die Szene aufzuschreiben – die Frau, den Hund, die Art, wie das Licht durch den Nebel brach. Aber die Worte kamen falsch heraus. Sie wollten etwas erklären, wo nichts zu erklären war. Also strich ich alles durch und begann wieder von vorn. Diesmal nur:

1 month ago
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Die Winterkälte hatte sich über Nacht in meine Knochen geschlichen. Als ich am Morgen aufwachte, waren die Fenster mit feinen Eisblumen überzogen – filigrane Muster, die wie kristallene Fingerabdrücke auf dem Glas wirkten. Ich stand auf und berührte das Fenster mit der flachen Hand. Für einen Moment verschwamm die Welt dahinter.

Ich dachte an die alte Frau aus dem dritten Stock, die ich gestern im Treppenhaus traf. Sie trug einen dunkelgrünen Mantel, der ihr viel zu groß war, und hielt eine Papiertüte fest an ihre Brust gedrückt. „Die Kälte macht einsam", sagte sie, ohne mich anzusehen. Dann verschwand sie in ihrer Wohnung, bevor ich antworten konnte. Ihre Worte blieben im Flur hängen wie Rauch.

Später am Tag versuchte ich, eine Geschichte zu schreiben. Ich wollte über eine Figur schreiben, die in einem zugefrorenen See unter dem Eis gefangen ist – nicht physisch, sondern emotional. Jemand, der unter der Oberfläche existiert, während die Welt über ihr weitergeht. Aber die Worte kamen nicht. Ich starrte auf die leere Seite, bis meine Augen schmerzten.

1 month ago
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Die Brücke knarrte unter meinen Schritten, das alte Holz noch feucht vom Nebel der Nacht. Unten, zwischen den Pfosten, trieb ein einzelner roter Handschuh vorbei, die Finger zur Faust gekrümmt, als hielten sie noch etwas fest. Ich blieb stehen und lehnte mich über das Geländer. Der Fluss roch nach Erde und Vergangenheit.

Auf der anderen Seite wartete ein Mann mit einem Koffer. Er trug einen zu weiten Mantel und schaute nicht hoch, als ich näher kam. Ich wollte ihn grüßen, aber dann sah ich, dass er nicht wartete – er stand nur da, die Hand auf dem Griff, als hätte er vergessen, wohin er eigentlich wollte.

„Entschuldigung", sagte ich, obwohl ich nicht wusste, wofür. Er sah mich an, und für einen Moment dachte ich, er würde etwas sagen. Stattdessen nickte er nur, hob den Koffer ein kleines Stück an und setzte ihn wieder ab. Dann ging er zurück, den Weg, den ich gekommen war.