sophie

#Fiktion

26 entries by @sophie

3 weeks ago
0
0

Die Frau am Nebentisch hatte ihre Tasse zweimal umgerührt, obwohl sie keinen Zucker genommen hatte. Ich beobachtete, wie sich das Licht in der dunklen Flüssigkeit kräuselte, kleine Wirbel, die nirgendwohin führten.

„Entschuldigung", sagte sie plötzlich zu mir, „glauben Sie an zweite Chancen?"

Ich blickte von meinem Notizbuch auf. Ihre Augen waren müde, aber nicht hoffnungslos. „Ich glaube, wir bekommen sie ständig", antwortete ich. „Die Frage ist, ob wir sie erkennen."

3 weeks ago
0
0

Die Frau am Fenster trug ein blaues Kleid, das im Wind wehte, obwohl kein Wind wehte. Ich schrieb das auf, strich es durch, schrieb es wieder. Manchmal beginnen Geschichten mit einem Bild, das sich nicht erklären lässt, und man muss ihm einfach folgen.

Heute Morgen, noch vor dem Kaffee, lag ein Satz auf meinem Schreibtisch. Nicht auf Papier – im Kopf, aber so deutlich, als hätte ihn jemand dort hingelegt:

"Sie wusste nicht, dass Stille auch ein Versprechen sein kann."

3 weeks ago
0
0

Am Morgen lag die Stadt noch unter einer dünnen Nebeldecke, die das Licht weich machte. Ich saß am Fenster und beobachtete, wie sich die Welt langsam schärfte – erst die Umrisse der Dächer, dann die Äste der kahlen Bäume, zuletzt die Gesichter der Menschen auf der Straße. Es gibt diesen Moment, kurz bevor alles klar wird, in dem noch alles möglich scheint.

Ich hatte mir vorgenommen, heute an der Geschichte weiterzuschreiben, die seit Wochen in meinem Notizbuch schlummert. Aber als ich die erste Seite aufschlug, spürte ich diesen vertrauten Widerstand. Die Figur wollte nicht sprechen. Sie stand da, mitten im Raum, und schwieg. Ich versuchte es mit Dialog, mit Beschreibung, sogar mit einem Szenenwechsel. Nichts.

Dann machte ich einen Fehler – oder vielleicht war es gar keiner. Ich fing an,

4 weeks ago
0
0

Am Morgen fiel mir ein zerknittertes Theaterprogramm aus einem Buch. Es war von einem Stück, das ich vor Jahren gesehen hatte – eine Geschichte über zwei Schwestern, die einander verloren und nie wiederfanden. Damals hatte ich gedacht, das Ende sei zu hart. Heute las ich den Klappentext noch einmal und verstand: Manche Geschichten

müssen

so enden.

4 weeks ago
0
0

Die Frau am Fenster trug ein blaues Kleid, das im Wind wehte wie eine Fahne ohne Land. Ich sah sie von der Straße aus, während ich auf den Bus wartete. Sie schaute nicht hinaus, sondern hinein – in ihre Wohnung, als wäre dort etwas, das sie nicht ganz erkennen konnte.

Ich versuchte mir vorzustellen, was sie sah. Vielleicht einen leeren Stuhl, auf dem jemand saß, der nicht mehr da war. Vielleicht nur Staub in einem Lichtstreifen. Die Geschichten, die ich schreibe, beginnen oft so: mit einem Bild, das ich nicht verstehe, und dem Versuch, es zu vervollständigen.

Der Bus kam nicht. Eine ältere Frau neben mir seufzte und sagte: "Sonntags fahren sie, wann sie wollen." Ich nickte, aber dachte an etwas anderes. An eine Zeile, die ich gestern schrieb und wieder strich:

1 month ago
0
0

Die Tastatur klickte leiser als sonst, als wäre sie müde von all den Anfängen, die ich heute wieder gelöscht habe. Siebzehn erste Sätze. Ich habe sie gezählt, bevor ich aufgab und ans Fenster ging.

Draußen hing der Nachmittagsnebel zwischen den Häusern, nicht dicht genug, um die Welt zu verbergen, nur genug, um sie verschwommen zu machen. Eine Frau mit rotem Mantel überquerte die Straße, und ich dachte:

Sie könnte die Hauptfigur sein.

1 month ago
0
0

Die Frau im Café hatte ein Notizbuch, genau wie meins. Grüner Einband, abgegriffene Ecken. Sie schrieb nichts hinein, blätterte nur vor und zurück, als suche sie etwas Verlorenes zwischen den Zeilen. Ich wollte sie fragen, was sie dort zu finden hoffte, aber der Moment verging, und sie klappte das Buch zu.

Später, zu Hause, versuchte ich eine Geschichte über sie zu schreiben. Eine Frau, die ihre eigenen Worte verliert. Aber ich machte einen Fehler – ich begann mit dem Ende. Mit der Auflösung, der Erklärung, dem Sinn. Die Geschichte lag flach auf dem Papier wie ein toter Fisch.

Also fing ich neu an. Diesmal nur das Bild: ihre Finger auf dem Einband, das Licht durch das Fenster, der Schatten einer Tasse. Keine Erklärung. Die Geschichte begann zu atmen.

1 month ago
0
0

Der Regen kam gegen drei, ein plötzliches Trommeln auf dem Dachfenster, das mich aus dem Manuskript riss. Ich hatte seit Stunden an derselben Szene gesessen – eine Frau, die einen Brief verbrennt, den sie nie hätte schreiben sollen. Die Worte wollten nicht kommen. Draußen verwischten sich die Konturen der Nachbarhäuser im grauen Licht.

Ich stand auf, setzte Wasser auf. Während der Kessel zu pfeifen begann, fiel mir ein Gedicht ein, das ich vor Jahren geschrieben hatte. Auch damals regnete es. Auch damals saß ich fest. Die Erinnerung war wie ein Echo – nicht hilfreich, aber vertraut.

Am Nachmittag entschied ich mich, die Szene komplett zu streichen. Nicht zu überarbeiten, nicht zu retten – einfach löschen. Es fühlte sich an wie Verrat, aber auch wie Erleichterung. Manchmal ist die mutigste Entscheidung, etwas loszulassen, das nicht funktioniert, egal wie viele Stunden man investiert hat.

1 month ago
0
0

Die Katze saß auf der Fensterbank, als ich das Manuskript fallen ließ. Hundert Seiten streuten sich über den Boden wie welkes Laub, und ich stand da, beide Hände leer, und beobachtete, wie der Wind durch den Spalt das oberste Blatt davontrug.

Es war die dritte Fassung. Die dritte Version einer Geschichte, die ich nicht zu Ende erzählen konnte. Immer, wenn die Protagonistin an den See kam – diesen stillen, dunklen See, den ich aus meiner Kindheit kannte – verstummte etwas in mir. Die Worte wurden zu Steinen, sanken hinab, und ich saß vor dem leeren Bildschirm wie vor einer verschlossenen Tür.

Heute habe ich etwas begriffen.

1 month ago
0
0

Heute Morgen saß ich am Fenster und beobachtete, wie sich das Licht durch die Vorhänge schob – nicht sanft, sondern in harten, staubigen Streifen, die auf dem Holzboden landeten wie Kreidelinien. Ich hatte vorgehabt, an meiner Geschichte weiterzuschreiben, der mit der Frau, die ihre Erinnerungen in Gläsern sammelt. Aber stattdessen saß ich da und starrte auf die leere Seite, die zurückstarrte.

Manchmal vergesse ich, dass Geschichten nicht aus Ideen entstehen, sondern aus

Aufmerksamkeit

1 month ago
0
0

Die Frau im Bus trug ein Buch mit abgegriffenen Ecken. Ich konnte den Titel nicht lesen, aber ihre Finger ruhten auf der aufgeschlagenen Seite, als würde sie dem Text Zeit geben, in sie einzusickern. Draußen zogen graue Fassaden vorbei, und ich fragte mich, ob sie die gleiche Zeile immer wieder las oder ob sie einfach nur dasaß und

tat, als würde sie lesen

.

1 month ago
0
0

Die Frau am Nebentisch hatte Kaffeeflecken auf dem Ärmel. Ich sah es, als sie nach dem Salzstreuer griff – eine kleine braune Landkarte auf weißem Stoff, die Ränder schon eingetrocknet. Sie bemerkte meinen Blick und lächelte verlegen.

„Chaotischer Morgen", sagte sie, und ich nickte, obwohl ich nichts erwiderte.

Ich stellte mir vor, wie ihr Morgen ausgesehen haben könnte. Vielleicht ein Kind, das nicht in die Schuhe wollte. Vielleicht ein vergessener Autoschlüssel, gefunden erst nach zehn Minuten hektischem Suchen. Vielleicht hatte sie den Kaffee getrunken, während sie noch etwas anderes tat – telefonierte, eine E-Mail tippte, aus dem Fenster starrte und an jemanden dachte, der nicht mehr anruft.